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Heute, am 27. Mai, möchte ich das tun, was ich schon länger vorhatte:

einen Nachruf zu schreiben auf zwei ganz besondere Menschen, deren Tod eine große Lücke in meinem Leben hinterlassen hat.

Diese beiden sind Peter Paisley, der am 22. März mit 98 Jahren "friedlich einschlief", wie sein Sohn Jonathan mir mailte, und Virginia Larsen, die am 5. Mai 2018, als vor 2 Jahren, nach langer und sehr tapfer ertragener schwerer Krebserkrankung  "erlöst wurde", wie man so sagt. Sie wurde 81 Jahre alt.

Aber Ladies First:

Virginia Larsen (1937-2018) von allen Ginnie genannt, kam 1959 als ganz junge amerikanische Gastlehrerin an die Martin-Luther-Schule in Rimbach, wo ich selbst später, von 1972-2008, unterrichten würde. Wir sind uns damals natürlich nicht begegnet, denn 1959 war ich 12 Jahre alt und besuchte das Progymnasium in Bergzabern. Schade!

Es sollte etwa 50 Jahre dauern, bis sich unsere Wege kreuzten. Wie es der "Zufall" so will, schenkte meine Freundin und ehemalige Kollegin Jutta Meyer, die sich u.a. für den Schulaustausch mit Ginnies ehemaligem College engagierte, dieser bei einem Besuch in Rimbach mein Buch "Schattenzeit Geschichten", worin es um Kinder und Jugendliche und deren Erfahrungen im 3. Reich geht.

Offenbar war Ginnie von dem Buch so angetan, dass sie mit mir Briefkontakt aufnahm, der sich bald in eine regelmäßige Korrespondenz per Email wandelte. Eines Tages überraschte mich Ginnie mit ihrer Entscheidung, sie gedenke, mein Buch ins Englische zu übersetzen.

Das Ergebnis war "ShadowTime Stories", auf Deutsch leider vergriffen, auf Englisch über Amazon zu beziehen. Da Ginnie die Übersetzung im Eigenverlag herausbrachte (ich schenkte ihr das Copyright ...) , sind die Kosten "Ginnies Sache" gewesen

(freilich auch der Erlös, nun "Sache ihrer Erbin").

Ginnies Großzügigkeit, ihr unglaublicher Humor, der sie auch in den letzten schweren Monaten und Jahren nicht verließ,

ihre Liebe zur Literatur, ihre Intelligenz (Intellektualität gepaart mit großer Herzensbildung), ihre Tierliebe, die uns beide besonders verband, all dies und noch viel mehr macht mir die liebe Ginnie unvergesslich.

Vor genau einem Jahr übrigens, Ende Mai 2019,  pflanzten wir auf dem Gelände der Martin-Luther-Schule in Rimbach ein Bäumchen zu Ginnies Gedenken. Es war ihr Wunsch gewesen, eine kleine Spur zu hinterlassen an dem Ort, der ihr eine zweite Heimat geworden war. An der Schule und in dem Dorf, wo sie, wie sie mal sagte,  sehr glücklich gewesen war.

Sicherlich wird Ginnie in den Herzen derer, die sie kannten, mehr als eine kleine Spur hinterlassen.

Und man wird sich an sie erinnern, wie sie mit verschmitztem Lächeln einen echt Odenwälder Spruch zum besten gibt. 

"Ourewällerisch" sprach sie nämlich perfekt.

Sie war eben auch ein Sprachgenie!

P.S. Ich traf Ginnie nur 2x im Leben, zuletzt im Sommer 2016. Es war ihr "Abschiedsbesuch" in Rimbach, wie sie damals schon ahnte.

 

Und nun zu Peter Paisley (1921-2020)

Auch Peter traf ich nur zweimal im Leben, einmal vor vielen Jahren in Heidelberg bei einer ehemaligen Studienfreundin, das zweite Mal mit meinem Mann Sigi zusammen bei einem Englandbesuch vor 7 Jahren.

Mit Peter starb ein Zeitzeuge, der den Holocaust überlebt hatte, genau genommen das schreckliche Internierungslager in GURS in den Pyrenäen. Hätte er nicht entkommen können, wäre er wohl entweder wie viele andere dort an Hunger oder Typhus gestorben oder letztendlich nach Auschwitz deportiert worden.

Peter wurde 1921 als Sohn eines angesehenen Kaufmanns in Berlin-Schöneberg geboren. Es war eine freidenkende jüdische Familie, und seine Eltern, die bald die schlimmen Zeichen der Zeit erkannten, schickten den Sohn schon 1935 nach Belgien auf ein Internat, wo er 5 Jahre lang unbehelligt lebte, bis Belgien von den Nazis überfallen wurde.

Man deportierte Peter, der damas noch Herbert Peter Peiser hieß, als angeblichen "Spion" in das südfranzösische berüchtigte Gurs, wo auch die Badener, Pfälzer, Saarländer, Elsässer und Lothringer Juden Schreckliches erleiden mussten.

Dort gelang Peter die Flucht zur Fremdenlegion.

"Besser bei diesem Haufen zu überleben als in Auschwitz zu sterben", sagte er Sigi und mir, als wir ihn in Somerset besuchten. "Es war die Hölle, aber man kämpfte wenigstens gegen die Nazis".

Der Titel von Peters Aufzeichnungen, "Looking back, but not in Anger" - "Blick zurück, doch nicht im Zorn" ... sagt alles.

Mit meinen Englischschülern las ich oft diese Lebenserinnerungen eines Zeitzeugen, der den Naziterror überlebte.

Peter gelang es, nach dem Krieg ein neues Leben an der Seite einer englischen Farmerstochter aufzubauen.

Die beiden hatten 3 Söhne. Peter starb, dankbar für "eine liebe Familie, die ihn treu umsorgte", und er war stolz auf seine zahlreichen Enkelkinder und ihre Erfolge in Schule und Studium. Seine kranke Frau Joan hatte er jahrelang aufopfernd zuhause gepflegt.

Peter war, wie auch unsere amerikanische Freundin Ginnie, trotz großer Schicksalschläge mit einem herrlichen Humor gesegnet. Bis zuletzt. Noch 3 Wochen vor seinem Tod diesen März gratulierte er Sigi zum 76. Geburtstag und schrieb im Scherz: "Are you 80 now?"

Ohne Peters Aufzeichnungen hätte ich "Das gläserne Glück", meinen 6. Krimi um Friedrich Gontard, nicht so schreiben können: authentisch bis in viele Details. Ich widmete das Buch u.a. Peter Paisley.

Er bestätigte mir nach der Lektüre: "Ja, so war es damals, genau so."

Danke, Peter und Ginnie, dass Ihr in meinem Leben aufgetaucht seid ...

 

P.S. Soeben habe ich in einem Heft "zufällig" einen Eintrag gefunden, den ich völlig vergessen hatte.  Das Gedicht

schrieb ich am 18. April 2018, also kurz vor Ginnies Tod. Damals wusste man, dass Ginnie bald sterben würde, es gab sogar einen Blog (den ich unerträglich fand und den ich dann auch nicht mehr ansah), der Ginnie sozusagen beim Sterben "begleitete".

Hier mein Text:

WORTE

Worte trösten/ Worte verletzen/ Worte töten/ Worte heilen.

Worte retten uns zuweilen.

Sie entzweien und verbinden.

Worte sind stumm,

wenn es nichts mehr zu sagen gibt.

 

 

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Heute, am 19. Mai 2020, haben mich zwei aktuelle Meldungen besonders aufgerüttelt.

 

Erstens: die befürchtete steigende Gewalt gegen Kinder im "Corona-Lockdown" ist schlimmer als geahnt. Es geht sowohl um brachiale als auch sexuelle Gewalt. Und wer spricht von der psychischen Gewalt als Folgeerscheinung?

Ich konnte nicht weiterlesen. Wenn man selbst 3 Töchter großgezogen und 3 kleine Enkelkinder hat und fast 40 Jahre lang Kinder und Jugendliche unterrichtete, dann sind diese Berichte unerträglich.

 

Zweitens: in der Lokalpresse wurde mit einem großen Artikel des 10. Jahrestags der Enthüllung von Missbrauch an der Odenwaldschule/Oberhambach/Heppenheim gedacht. Das war im Frühjahr 2010. Man spricht von einer Opferzahl von 500 - 900 Kindern/Jugendlichen, die über viele Jahre Opfer pädophiler Lehrer und des Direktors Gerold Becker und dessen "Freunden" wurden. Die Dunkelziffer ist groß, viele Opfer schweigen immer noch. Als ich vor 10 Jahren von den schlimmen Missbrauchsfällen an der Odenwaldschule erfuhr, reagierte ich ungläubig und geschockt, zumal ich von 1972 bis 2008 an der Martin-Luther-Schule Rimbach unterrichtete, also im  Schulamtsbereich der Odenwaldschule. NIEMALS in den 36 Jahren erfuhr ich auch nur ein bisschen von sexuellen Übergriffen an der Nachbarschule. Die Mauern des Schweigens müssen sehr dicht gewesen sein, und ich schrieb, aufgewühlt und vielleicht auch beschämt über meine Naivität, den 5. Gontard-Krimi: "Die Mauern des Schweigens".

 

Das Kapitel 23 (Eine Freistunde)/Seite 149 thematisiert in einem Gespräch zwischen Anna Gontard, der nichtsahnenden Frau von Kommissar Friedrich Gontard, und einem Referendar im Café Mäule/Rimbach die Missbrauchsfälle an der Odenwaldschule, während der Krimi insgesamt Missbrauch vor allem in "frommen Kreisen" behandelt. Auch der vor Jahren über die Grenzen des Odenwalds hinaus bekannt gewordene Fall eines Geistlichen, der junge Mädchen missbrauchte, wird angesprochen. Rimbach nenne ich in meinem Krimi "Ruhstetten", wie schon in "Die Kinder im Brunnen", dem 1. Charlotte Rapp-Krimi, worin es um Mobbing geht. Meine Leser wissen, dass ich reale und fiktive Ortsnamen vermische bzw. gerne real existierende Orte umbenenne.

Ich wurde einmal gefragt, ob ich selbst Missbrauch erlebt habe, denn es sei "alles so lebensnah und authentisch" geschildert. 

 

Und hier darf ich verneinen und einfach antworten: es genügt doch, genug Fantasie und Empathie zu empfinden, um sich solche Ungeheuerlichkeiten vorzustellen. Oder?

 

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Und hier ist ein Artikel, der mich besonders gefreut hat, zumal seit März etliche meiner Lesungen ausgefallen sind/ausfallen: "Corona-Opfer". Danke an Bernd Eppelmann, der auf mich zukam und diese schöne Wertschätzung meiner literarischen Arbeit veröffentlichte. Es wird momentan oft bedauert, dass Kulturschaffende nun keine Plattform haben. Umso erfreulicher ist es, wenn eine Autorin wie ich, die sich kaum in der digitalen Welt darzustellen weiß, diesbezüglich wohlwollend unterstützt wird.

Nochmal herzlichen Dank, lieber Herr Eppelmann.

 

Ein Artikel aus der "Hemsbacher Woche" von Bernd Eppelmann


(ben). Ist es Ihnen auch aufgefallen?

 

Es ist wieder ein Jahr der Maikäfer. Wenige der Krabbeltiere halten sich schwirrend mühsam in der sonnigen Aprilluft. Einige liegen apathisch auf dem Rücken und rudern sechsbeinig entkräftet um Bodenkontakt. Andere kauern im Gras und pumpen zur

 

Startvorbereitung vor dem Flug. So zu sehen beim Fußweg entlang des Rohrwiesenwegs, auf dem sich so herrlich die Gedanken um das ewig scheinende Corona-Thema zerstreuen lassen. Die braunen Brummer mit denmarkanten Fühlern waren 2018das letzte Mal zuvor aktiv.

 

2018, das war auch an einem Spätaprilabendauf dem Rückweg als Berichterstattervon einer Autorenlesung in derKatholischen öffentlichen Büchereiin Hemsbach durch die Rohrwiesen, als die Insekten zu Tausenden in der Luft waren.

 

Ein Kriminalroman war das damals. Titel: „In kindlicher Liebe“. Mordfälle im Bensheimer Fürstenlager. Bearbeitet von Kripochef im Ruhestand Ferdinand Guldner gemeinsam mit Lebensgefährtin und Hobbyermittlerin Charlotte Rapp. Lilo Beil, feinfühlige Autorin von Kriminalromanen mit Regionalcharakter las damals vor vollem Haus. Mit Gespür für sprachliche Kunst und gekonnter Einbettung regionalkultureller Vorgänge in die Handlung und Sinn für situativ subtile Details.

 

Nach Heranlesen an den kriminalistischen Punkt, ab dem es spannend wurde, aber natürlich auch keinen Satz weiter, hatte die gebürtige Pfälzerin mit Lebenszentrum im hessischen Odenwald noch eine Kurzgeschichte als Zugabeaus ihrem Buch „Maikäfersommer”, einer Sammlung von Erzählungen mit Heimatbezug aus ihrer Kindheit gelesen. Das wiederkehrende Maikäferthema bringt die Lesung in die Erinnerung zurück.

 

Nach Rückkehr von der Käfer-Tour leitet sie zur direkten Frage an die Autorin per E-Mail nach der aktuellen Gefühlslage und der Arbeitsschwerpunkte in der virusbedingten Isolation. Da geht es Lilo Beil wie andern auch. Tagesabläufe haben sich auf die Kontaktbeschränkungen und Schutzmaßnahmen eingespielt. Vieles fühlt sich ungewohnt, einiges mühsamer an. In Bezug auf ihre literarische Produktivität ändert sichaber nicht viel. Nach ihrem neuesten, 2019 erschienenen neunten Krimi „Mädchen im roten Kleid“aus der Reihe um Friedrich Gontard, als ehemaliger HeidelbergerKripochef ebenfalls Ruheständler,

liegt aktuell das Skript des zehnten Gontard-Falls beim Verlag. Lange terminierte Lesungen aus ihrenBüchern fallen zurzeit alle aus.

 

Ihre Zeit investiert Beil in die literarische Gestaltung von Kinderbüchern, die sie auch selbst illustriert. Die Werke in selbstverlegter Kleinstauflage für ihre Enkel Lias, Helen und Joscha und andere Kinder überbrücken die Zeit ohne persönlichen Kontakt mit Oma Lilo während der Isolation. Malerei, ihrer weiteren großen Leidenschaft gibt sie augenblicklich den Vorzug vor der Literatur. An einen Krimi mit Bezug zur Corona-Pandmie verschwendet die gebürtige Pfälzerin zumindest vorerst keinen Gedanken. Aber es gibt Trost für ihre Krimifans, die Beils neben dem regionalen auch zeitlich nahen literarischen Bezug zu aktuellen Geschehnissen schätzen.

 

Sie hat – an Karfreitag – das Gedicht mit dem Titel „Dornenkrone“ und Coronabezug verfasst. Und wir dürfen es hier für unsere Leser veröffentlichen:

 

Dornenkrone.

 

Nun kam globales Unglück angekrochen. Fast über Nacht sieht vieles anders aus.

Die Welt, wie wir sie kannten, ist zerbrochen. Wir beugen uns und bleiben still zu Haus.

Corona heißt die neue Dornenkrone, sie hat die Welt im Griff als Pandemie.

Sie herrscht als Königin auf hohem Throne und zwingt die stolze Menschheit in die Knie.

 

Wir sehen Bilder, lesen Zahlen, und wir erahnen fremden Tod. Noch leiden andere die

Qualen. Wir machen eine Tugend aus der Not: Die Frohnaturen singen auf Balkonen,

doch auch die Grübler haben ihre Zeit.

 

Die einen kultivieren „Schöner Wohnen“, doch andere verzehren sich im Streit.

Wie lange noch? So fragen wir: wie lange? Doch die Experten schweigen sich beharrlich aus.

Die Ungewissheit macht den meisten bange, und notgedrungen hüten wir das Haus.

Mir macht die Zeit „danach“ schon Sorgen, die Zeit, wenn wieder alles ist „normal“:

Sie buchen schon die Kreuzfahrt für das Morgen.

 

Ich seh den Fuß des Rasers auf dem Gaspedal: Es gilt, all das Versäumte nachzuholen,

stornierte Reisen und entgang`ne Freud. Das Stillestehn war immerhin befohlen.

Man hat all die Bescheidenheit nun leid. An Läuterung global will ich nicht glauben,

die Menschheit war nie edel, war nie gut.

 

Doch lass ich mir nicht die Gewissheit rauben: Wir brauchen, um zu leben: Lebensmut.

 

Postscriptum: Und dann wird einiges – vielleicht – auch wieder gut.

 

Karfreitag 2020. Lilo Beil – 7. April 2020